Digitale Unsterblichkeit: Kann der Mensch sein Bewusstsein hochladen?

Die Vergänglichkeit des Lebens beschäftigt die Menschen über die gesamte Geschichte hinweg – Digitale Unsterblichkeit ist daher in ihrer Grundidee nichts Neues. Sie ähnelt der Idee, dass etwa auch unsere Liebsten in unseren Gedanken weiterleben, und Künstler durch das Hinterlassen ihrer Werke.
Zugleich ist aber auch Bedürfnis nach einer tatsächlich erfahrbaren, womöglich unbegrenzt verlängerbaren Existenz seit Jahrtausenden unverändert groß. Mit dem digitale Zeitalter scheint sich eine neue Möglichkeit aufzutun, um den Tod zu überlisten: Der Mensch lädt sein Bewusstsein einfach hoch. Längst ist um diesen Gedanken eine Industrie entstanden.

Was bedeutet digitale Unsterblichkeit?

Digitale Unsterblichkeit bezeichnet die Idee, dass ein Mensch über seinen körperlichen Tod hinaus in digitaler Form weiterbesteht. Tatsächlich geschieht dies längst, etwa wenn ein Profil einer Person in einem sozialen Netzwerks nach dessen ableben weiter besteht, der digitale Mensch also, gewissermaßen.
Doch das richt dem Menschen nicht – denn es erscheint schwer vorstellbar, dass man, ist man erst verstorben, in irgendeiner Art in den Bildern und Texten weiterlebt, die man irgendwo veröffentlicht hat. Wie lässt sich nun also die digitale Identität einer Person als eine Form von Vehikeln für das erfahrene Bewusstsein nutzen, anstelle des biologischen, vergänglichen Körpers?
In Form von Chatbots und Avataren, die Verstorbene nachbilden? Immerhin können diese zumindest für die Fans, Freunde oder Verwandte eine Art Abbild der Person simulieren – es bleibt jedoch bei der Simulation. Die Vision, das Bewusstsein vollständig auf einen Computer zu übertragen, lebt jedenfalls.

Bewusstsein hochladen – kann das funktionieren?

Am nahen Ende dieses Spektrums steht also, was heute schon existiert: Aus den Daten eines Menschen – Nachrichten, Stimmaufnahmen, Fotos, Beiträgen – wird ein digitales Abbild erzeugt, mit dem sich nach seinem Tod interagieren lässt. Hier lebt allerdings nicht die reale Person weiter, sondern ihre Datenspur, zu einer Art Gesprächspartner verdichtet.
Am fernen Ende steht das sogenannte Mind Uploading: die spekulative Vorstellung, den Geist selbst, also Erinnerungen, Persönlichkeit, Bewusstsein, von seinem biologischen Träger zu lösen und auf ein digitales Substrat zu übertragen. Die Person als Datengestalt soll so weiter existieren können, weiter Erfahrungen machen können.

Zwischen diesen Polen liegt eine ganze Skala von Ambitionen, und mit ihnen wächst die philosophische Fallhöhe. Dass ein Erinnerungs-Avatar nicht die verstorbene Person ist, würden die meisten sofort unterschreiben. Ob eine perfekte Kopie des Geistes noch dieselbe Person wäre, ist dagegen eine der härtesten Fragen der Identitätsphilosophie. Er gehört zum Themenkreis des digitalen Menschen und führt dessen Frage nach dem Daten-Selbst an ihre äußerste Grenze.

Mind Uploading: Der Stand der Idee

Die Idee des Mind Uploading klingt nach Science-Fiction, hat aber eine ernsthafte akademische Ausarbeitung. Die ausführlichste stammt von Anders Sandberg und Nick Bostrom, die 2008 am Future of Humanity Institute in Oxford den Report Whole Brain Emulation: A Roadmap vorlegten.
Die Grundidee der Ganzhirn-Emulation ist folgende: Man erfasst die Struktur eines konkreten Gehirns – seine Neuronen und deren Verbindungen – so fein, dass sich seine Dynamik auf einem Computer nachbilden lässt. Gelänge das vollständig, so die Hoffnung, würde die Emulation sich verhalten wie das Original: dieselben Erinnerungen, dieselben Reaktionen, dieselbe Persönlichkeit.

Dass diese Idee im 21. Jahrhundert weit weniger abstrakt ist, als viele vermuten mögen zeigte ein Experiment des australischen Startups EON Systems. In einer virtuellen Umgebung wurde dabei die Simulation einer Fruchtfliegen-Gehirns mitsamt 125.000 Neuronen eingebettet. Und dessen Avatar verhielt sich tatsächlich ganz ähnlich wie eine lebende Fruchtfliege.

Dieses Experiment ließe sich, sofern nur genügend Rechenkapazität verfügbar wäre, auch mit einem menschlichen Gehirn bewerkstelligen, so lautet nun das Argument.

Das Problem beim Hochladen des Bewusstseins

Ehrlicherweise muss man dazu sagen: Nach aktuellem neurowissenschaftlichen Verständnis wäre eine Rechenleistung nötig, um eine menschliches Gehirn zu emulieren, die aktuelle Möglichkeiten übersteigt. Ein menschliches Gehirn hat rund 86 Milliarden Neuronen mit Billionen von Verbindungen. Vollständig kartiert wurden bisher nur die Nervensysteme sehr kleiner Organismen, wie eben von Fliegen.
Und selbst eine gelungene Emulation würde nicht die Frage beantworten, ob diese dann tatsächlich dieselbe Erfahrung machen könnte, die der mensch, dessen Gehirn emuliert wurde. Denn prinzipiell sind essentiuelle Antworten auf Fragen, die dafür zunächst beantwortet sein müssten, noch nicht geklärt: Was ist überhaupt Bewusstsein? Ist der Sitz des Bewusstseins überhaupt das Gehirn, oder ausschließlich das Gehirn? Ist Bewusstsein allein durch die Struktur eines Gehirn gegeben, oder sind andere Aspekte mittragend? All das sind sehr alte Fragen, und dass sie seit so langer zeit unbeantwortet sind, zeigt die Schwirigkeit dieser Angelegenheit auf.

Man muss daher sagen: Bewusstsein hochladen ist weder zu widerlegen, noch liegt es nahe. Es handelt sich um eine kohärent formulierte Spekulation.

Deadbots & Avatare Verstorbener: was es schon heute gibt

Während das Uploading wie beschrieben Spekulation bleibt, ist das bereits Machbare längst zu einem lukrativen Markt geworden. Es gibt beispielsweise Dienste, die aus Nachrichten, Sprachaufnahmen und anderen Daten eines Menschen einen Chatbot erzeugen können – der auch durch Sprach-KI in dessen Stimme antwortet. Dafür braucht es kein Gehirn-Scanning, nur genügend Text-, Bild-, und Ton-Material.

Die ethische Debatte wird aus diesem Umstand dringlich. Forschende der Universität Cambridge – Tomasz Hollanek und Katarzyna Nowaczyk-Basińska – haben 2024 in einer vielbeachteten Studie zur „digital afterlife industry“ vor Risiken gewarnt. Trauernde könnten etwa in Abhängigkeit von einem Abbild geraten, das ein kommerzieller Anbieter betreibt. Man macht dieLiebe der Menschen zu Versotrbenen zu einem GEshcäft, was ethisch zumindets zweifelhaft ist. Verstorbene können zudem nicht mehr einwilligen, was mit ihren Daten geschieht. Auch ist mit solchen Bots die Möglichkeit zur Manipulation gegebn – bis hin zur Werbung aus dem Mund der Toten. Die Autoren fordern aus diesen Gründen ethische Schutzstandards wie klare Zustimmungsregeln.

Philosophisch ist an den Deadbots auch der Umstand interessant, dass sie funktionieren, obwohl niemand behauptet, die Person lebe in ihnen weiter. Ihre emotionale Wirkung auf die Hinterbliebenen ist real. Der digitale Datendoppelgänger der digitalen Identität entspricht ebenso wenig der realen Person, wie ein Foto von einer Person. man muss sich insofern auch die Frage stellen, was genau es ist, dass unsere Bindungen zu Menschen bestehen lässt – ist es letztlich deren reale, ebenso wie wir erlebt Bewusstheit über das Dasein, oder sind es lediglich deren Mittel zur Interaktion, wie Sprache und Inhalte, welche diese Bindung erzeugen. Und noch tiefer gehend: Was genau ist dieses Wesen des Bewusstseins, entfernt man jene Interaktionsmittel, die in Form eines Stromes aus Sinneseindrucken auf es selbst einwirken. Worauf wirkt das Subjektive empfinden einer Identität mit ihren Erfahrungen eigentlich?

Das philosophische Problem: Wärst das noch du?

Angenommen, alle technischen Hürden hin zu einem Bewusstseins-Upload würden fallen: Dein Gehirn würde vollständig gescannt werden, die Emulation würde anlaufen und mit deiner Stimme sprechen, sich verhalten wie du. Wärst das dann tatsächlich du?

Interpretation nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy

Die klassische Debatte um personale Identität – nachzulesen etwa im Eintrag „Personal Identity“ der Stanford Encyclopedia of Philosophy – hat für dieses Problem eine bewährte Lösung: den Unterschied zwischen Kopie und Fortsetzung. Dass die Emulation dir psychologisch gleicht, muss unbestritten sein, denn sie würde all deine Erinnerungen und Eigenheiten haben. Gleichheit ist aber, und hier liegt der Punkt, nicht Identität. Das zeigt ein einfaches Gedankenexperiment:

Liefe der Scan, während du weiterlebst, stünden sich zwei Kandidaten gegenüber – du und die Emulation. Beide können unmöglich dieselbe Person sein, und du würdest selbst wohl kaum das Gefühl haben, nun doppelt zu existieren. Die Kopie wäre ein zweites Wesen, womöglich zwar mit Erinnerungen einer identischen Vergangenheit, nicht aber dein weiterlebendes Selbst. Und das Argument lautet nun: Weshalb sollte sich daran etwas ändern, wenn das Original zufällig zuerst stirbt?

Interpretation der Frage nach der allgemeinen Interaktionstheorie

Die Interaktionstheorie kommt zu einem in anderer Hinsicht klaren Schluss, dies jedoch von völlig anderen Definietionen ausgehend. Nach ihr konstituiert sich Identität durch Interaktion – in fortlaufender Interaktion zwischen Immanenz und Transzendenz, wie in Entitäten im Multiversum erläutert. Dies bedeutet, Identität und Bewusstsein ist rein subjektiv erfahrbar, wodurch ein solche Gedankenexperiment seinen Sinn verliert. Weiters muss aufgrund der generellen multidimensionalen Variabilität von Entitäten diese grundsätzlich auch einer solchen emanierten Entität zuerkannt werden. Wie genau diese nun subjektiv Realität erfährt, ist jedoch nicht zu ergründen.
Weiters besteht hierbei in Wahrheit relativ kein Unterschied: zwischen Identität und Emanation, und im Gegensatz dazu zwischen Identität und der Erinnerung an dieselbe Identität vor beispielsweise einer Minute. Jede Erinnerung mit der Identität interagiert, ist nicht gleichzusetzen mit der erinnernden Identität an sich. Denn die Erinnerung wird erst durch die Interaktion differenziert, wodurch sie von der Identität selbst abgetrennt ist.
Die Realität einer emanierten Entität als nicht als weniger real zu bewerten, als jene einer erinnerten Entität. Keine Realität is realer als jede andere.

Zwischen Transhumanismus und digitalem Humanismus

Hinter dem Wunsch nach digitaler Unsterblichkeit steht die Weigerung, die eigene Endlichkeit hinzunehmen – und die existiert seit Menschengedenken. Neu ist nur die Möglichkeit der Existenz im digitalen Kontinuum. Auf den Wunsch nach dieser Ewigkeit werden zumindest zwei große Antworten diskutiert, und sie könnten kaum verschiedener sein:

Der Transhumanismus antwortet mit Bejahung: Der Tod ist als ein biologisches Problem im Prinzip lösbar. Gelingen soll dies durch „Enhancement“, durch Lebensverlängerung und am Ende vielleicht auch einen „Substratwechsel“, in dem, oder aus dem Identität operiert. Aus dieser Sicht wäre Mind Uploading kein Bruch mit dem Menschsein. Es würde sich vielmehr um seine konsequente Fortsetzung mit neuen, optimierten Mitteln handeln. Der digitale Humanismus antwortet auf diese These mit einer Rückfrage: Ginge nicht etwas verloren, wenn wir das Menschsein technisch überbieten wollen? Diese Denkrichtung besteht darauf, dass Endlichkeit, Leiblichkeit und die Verletzlichkeit des Gegenübers keine Konstruktionsfehler sind. man geht davon aus, dass es sich um Bedingungen dessen handelt, was Menschen einander bedeuten. Technik soll nun dem so verstandenen Menschen dienen, statt ihn zu ersetzen.

FAQ

Ist digitale Unsterblichkeit möglich?
In einer gewissen Form existiert sie bereits: Als digitale Abbilder Verstorbener, Chatbots, digitalisierte Stimmen, Avatare, Erinnerungsprofile. All das ist längst technisch machbar und kommerziell verfügbar. In seiner wohl intensivsten Form, als Übertragung des Bewusstseins auf einen Computer, ist sie bislang reine Spekulation und auch in ihrer Realisierbarkeit philosophisch wie technisch umstritten.

Was ist Mind Uploading?
Als Mind Uploading bezeichnet man die hypothetische Übertragung eines Geistes auf ein digitales Medium. Meist wird dies als Gehirn-Emulation agestrebt: Die Struktur eines konkreten Gehirns wird vollständig erfasst und auf einem Computer nachgebildet. Die Simulation soll sich dann genau wie das Original verhalten. Die bekannteste wissenschaftliche Ausarbeitung ist der Report Whole Brain Emulation: A Roadmap von Sandberg und Bostrom (Oxford, 2008).

Wäre eine hochgeladene Kopie noch ich?
Die Meinungen gehen in dieser Hinsicht weit auseinander. Nach der Vorstellung des simulieren Gehirns eines noch lebenden Menschen, würde es sich wohl eher um eine Kopie handeln. Der Mensch hätte wohl kaum den Eindruck, von nun an doppelt zu existieren. Über die subjektive Erfahrung dieser Emulation können nun beide Erfahrungen, sollten sie real existieren, in Wirklichkeit nichts wissen.