Die Digitalisierung und nun insbesondere Künstliche Intelligenz verändert unsere Welt mit einer Geschwindigkeit, die noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wäre. Automatisierte Entscheidungen von LLMs und digitale Plattformen, die uns mental zusetzen, beeinflussen mittlerweile nahezu alle Bereiche unseres Lebens – von der Arbeit über die Bildung bis hin zur politischen Meinungsbildung.
Doch wer entscheidet eigentlich darüber, wie diese Technologien eingesetzt werden? Soll die technische Entwicklung allein von wirtschaftlichen Interessen bestimmt werden oder bleibt der Mensch die zentrale Instanz der Gestaltung?
Der digitale Humanismus setzt hier an. Ich habe Prof. Hannes Werthner, emeritierter Professor der Fakultät für Informatik der TU Wien und ehemaliger Dekan, zum Gespräch geladen. Werthner forschte zu E-Commerce, Empfehlungssystemen und Entscheidungsunterstützungssystemen und kann als Informatik-Pionier betrachtet werden. 2019 initiierte er das Wiener Manifest für digitalen Humanismus und begründete die Digital Humanism Initiative an der TU Wien.

Was ist digitaler Humanismus?
Der digitale Humanismus ist sowohl eine Idee als auch eine Bewegung, und sein zentrales Anliegen besteht darin, die digitale Welt so zu gestalten, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt.
Technologische Entwicklungen sollten demnach nicht als unausweichliches Schicksal betrachtet werden. Stattdessen geht der digitale Humanismus davon aus, dass Menschen Technologien entwickeln, gestalten und damit auch Verantwortung für deren Auswirkungen tragen.
Technik ist nicht naturgegeben. Sie wird von Menschen entworfen – und kann daher auch von Menschen verändert werden. Prof. Werthner spricht im Podcast ausführlich über diese themen, und über sein Engagement, dass längst weltweit immer mehr Zuspruch findet.
Mensch, Gesellschaft und Technologie als Wechselspiel
Im Zentrum des digitalen Humanismus steht die Frage nach dem Zusammenspiel von Mensch, Gesellschaft und Technologie. Digitale Systeme beeinflussen unser Verhalten, unsere Kommunikation und unsere sozialen Strukturen. Gleichzeitig formen gesellschaftliche Werte und politische Entscheidungen die Entwicklung dieser Technologien.
Der digitale Humanismus betrachtet diese Beziehungen nicht isoliert, sondern als ein komplexes Wechselspiel zwischen:
- Menschen und ihren Bedürfnissen,
- gesellschaftlichen Institutionen,
- wirtschaftlichen Interessen,
- politischen Rahmenbedingungen,
- sowie technologischen Möglichkeiten.
Nur wenn alle diese Faktoren gemeinsam betrachtet werden, können digitale Technologien dem Menschen dienen.
Was man tun kann: Der Mensch besitzt Gestaltungskraft
Ein zentraler Begriff des digitalen Humanismus ist die sogenannte „Human Agency“ – die Fähigkeit des Menschen, aktiv zu handeln und die Welt zu gestalten. Diese ist von großer Bedeutung – denn unsere Möglichkeit, mit digitalen Systemen zu interagieren, bstimmt letztlich, in welche Richtung sich diese Systeme entwickeln.
Die Zukunft ist nicht vorherbestimmt. Weder wirtschaftliche Entwicklungen noch technologische Innovationen folgen einem unveränderlichen Gesetz.