Beim Gespräch mit der Indologin Dr. Marion Rastelli über ewige Zeitzyklen, Parallelwelten und sind durchaus Parallelen zwischen vedischer Kosmologie und moderner Wissenschaft zutage getreten.
In der 3. Folge meines Podcast „Aus der Parallelwelt“ bin ich mit meiner Gästin tief in mein Lieblingsthema eingetaucht: das Multiversum. Im Zentrum standen dabei Kosmologien aus alten Sanskrit-Texten. Denn was erstaunlich ist: während die Wissenschaft erst seit dem 20. Jahrhundert über „Viele-Welten-Interpretationen“ debattiert, bieten viele Schriften des Hinduismus bereits seit Jahrtausenden komplexe Modelle von unendlichen Realitäten an – wenngleich nicht selten doch mit etwas Fantasie.
Zu Gast, und nicht zuletzt um meine vielleicht doch gewagten Zusammenhänge mit wissenschaftlichen Fakten zurecht zu rücken – war Dr. Marion Rastelli. Sie ist stellvertretende Direktorin des Instituts für die Kultur- und Geistesgeschichte Asiens an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Als Expertin für Sanskrit und die vishnuistische Pancaratra-Tradition war Sie die ideale Kenerin der Materie, wie das alte Indien den Kosmos vielleicht verstanden haben mag.
Hinduismus: Ein Ozean aus Traditionen – aber auch ein Multiversum?
Bevor man das Konzept des Multiversums auch im Hinduismus verstehen kann, muss man eines klären, wie Dr. Rastelli klarstellt: „Den“ Hinduismus gibt es so nicht. Dr. Rastelli betont, dass es sich um einen Sammelbegriff für vielfältige Traditionen handelt – von der Verehrung Vishnus über Shiva bis hin zur Großen Göttin. Jede dieser Traditionen bringt natürlich auch ihre eigenen faszinierenden Kosmologien mit sich. Und die gibt es zuhauf. Wir konnten konkret zwei solcher Konzepte besprechen.
Kalpas und Yugas: Zeiträume in Milliarden Jahren
Ein wichtiges Element des hinduistischen Weltbildes ist die Zyklizität. Anders als das lineare Zeitverständnis des Westens sieht der Hinduismus die Welt als ein ewiges Kommen und Gehen:
- Der Tag Brahmas (Kalpa): Die Welt wird erschaffen und besteht für einen „Tag Brahmas“. Wenn Brahma schläft (die Nacht Brahmas), geht die Welt in Wasser und Feuer unter, um später erneut zu entstehen – es entsteht das Bild eines pulsierenden Kosmos.
- Die vier Yugas: diese Zyklen sind aber nciht rein physisch, sondern auch ethisch7moralisch zu deuten. So verschlechtert sich der Zustand der Welt – vom goldenen Zeitalter (Krita-Yuga) bis hin zum aktuellen Kali-Yuga, dem Zeitalter des Verfalls. Und dann beginnt es jeweils von neuem.
- Gigantische Skalen: Ein großer Zyklus umfasst laut den Texten etwa 432000 Jahre, oder Vielfache davon. Es tauchen Größenordnungen bis zu 4,32 milliarden Jahren auf. Eine Zahl, die verblüffend nahe an das wissenschaftlich geschätzte Alter der Erde (ca. 4,5 Milliarden Jahre) herankommt, und die ungefähr einem drittel des alters underes Universums entspricht (13,7 Milliarden Jahre).
Parallelen zur modernen Physik: Das oszillierende Universum
Ich zog aufgrund der offenbar wiederkehrend zyklischen Struktur der Kalpas eine Parallele zur Wissenschaft. In den 1920er Jahren entwickelten Physiker wie Alexander Friedmann (unterstützt von Albert Einstein) das Modell eines oszillierenden Universums. Die Idee ist dabei, dass ein Universum, das expandiert, kollabiert und in einem neuen Big Bang wiedergeboren wird. Auch wenn dieses Modell heute in der Kosmologie durch andere Theorien ersetzt wurde, ist für mich die philosophische Ähnlichkeit zum hinduistischen Zyklus von Schöpfung und Zerstörung unverkennbar gegeben.
Die Göttin und ihr Multiversum

Eines der eindrucksvollsten Bilder eines hinduistischen Multiversums findet sich im Devi Bhagavata Purana – wie ich recherchieren hatte können. In einer Erzählung führt die Göttin Bhuvaneshwari die Götter Brahma, Vishnu und Shiva durch den Kosmos, wie Dr. Rastelli beschrieb.
Kurioser Weise in den Spiegelungen ihrer Lotus-Fußnägel sehen die Götter plötzlich unzählige andere Welten. Sie erkennen andere Brahmas, andere Vishnus und andere Shivas, die in ihren eigenen Universen herrschen.
Dr. Rastelli hat hierbei ein wichtiges Detail präzisiert: Im hinduistischen Kontext ist „Brahma“ eher eine Position oder ein Amt als ein Individuum. In jedem Universum gibt es ein Wesen, das die Rolle des Schöpfers einnimmt. Dies erinnert stark an die modernen Science-Fiction-Konzepte von Varianten einer Person in Paralleluniversen, hat aber einen tiefen spirituellen Kern: Die Unendlichkeit Gottes spiegelt sich in der Unendlichkeit der Schöpfung wider. Auch die Frage der Identität muss man hierbei stellen. Denn auch in Parallelwelten kann ich anzweifeln, dass mein „Doppelgänger“ tatsächlich mit mir identisch ist – nach der Natur von IdEntitäten.
Fazit: Spiritualität als antike Wissenschaft?
Das spannende Gespräch hat jedenfalls auch verdeutlicht, dass die Trennung zwischen Wissenschaft und Spiritualität im alten Indien nicht so strikt war, wie wir es heute kennen. Astronomen und Theologen arbeiteten oft nebeneinander, wie Dr. Rastelli gegen Ende bemerkte. Und die unvorstellbar großen Zahlen und die Idee multipler Realitäten dienten auch dazu, die unendliche Macht des Göttlichen zu beschreiben.