Hinduistische Multiversen

Im Hinduismus finden sich viele mehr oder weniger komplexe Kosmologien und Ontologien. Einige dieser weisen spannende Ähnlichkeiten mit Multiversum-Theorien aus der modernen Physik auf. Als eine der jener Weltreligionen, der sich mehr als eine Milliarde Menschen zugehörig fühlen, ist der Hinduismus ander als etwa das Christentum eine offene, nicht von zentralisierten Entitäten kontrollierte und kuratierte Religion. Tatsächlich muss man ihn eher als ein sammelsurium von sprituellen Lehren verstehen, die über viele Jahrtausende hinweg entstanden sind.

Es findet sich eine Vielfalt an kosmologischen und philosophischen Konzepten, die versuchen die vom Menschen wahrgenommene Realität zu beschreiben, und deren Rolle zu definieren. Hier finden Sie eine Auswahl an solchen Theorien, die von einer Realität aus gehen, die interpretiert werden können, über ein einziges Universum hinauszugehen.

Die Blasen des Vishnu (oder Puranisches Multiversum)

Hindu-Multiversum 1: Der Traum eines Gottes

Der Maha-Vishnu ist ein mächtiger, gigantischer Gott, der bereits in den uralten Veden vorkommt. Die Veden sind eine über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende mündlich überlieferte Lehre, die erst um das 5. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Sie gelten als eine der einflussreichsten Lehren des Hinduismus. Vishnu gilt im Hinduismus als die höchste Form des Göttlichen.

Diese in Schriften häufig als menschenähnliches blauhäutiges Wesen dargestellte Gottheit träumt auch entsprechend göttlich. Und aus eben solchen Träumen der Vishnu-Gottheit entsteht nun ein Multiversum. Mit etwas Fantasie erinnert dieses durchaus an das sich aus der Stringtheorie ergebende Blasenmultiversum:

In einem tiefen mystischen Schlaf inmitten eines kausalen Ozeans liegend, entstehen mit jedem Atemzug unzählige blasenförmige Universen (Brahmandas). Diese Blasen-Universen wachsen, wenn Vishnu im Schlaf ausatmet. In jedem einzelnen dieser kosmischen Eier befindet sich ein Brahma-Schöpfergott.

Doch diese Welten sind nicht von Dauer: Mit jedem Einatmen saugt die Gottheit jede dieser Blasen dann auch wieder ein – die Universen werden dabei wieder zerstört und sind der Gottheit ausgeliefert: „Die unzähligen Universen, jedes in seine eigene Schale gehüllt, werden vom Rad der Zeit gezwungen, in Dir umherzuwandern, wie Staubteilchen, die im Himmel wehen.“[1]

Hindu-Multiversum 2: Die fraktalen Welten im Geist

Ähnlich wie auch im Buddhismus bekannt, gibt es auch im Hinduismus ein Multiversum, welches ganz aus dem Geist entsteht. Es gibt demnach keine materielle Realität – alles, was wir wahrnehmen und beobachten, ist in Wahrheit nichts anderes als ein Projektion des Bewusstseins. Dies ist in der mehr als 1300 Jahre alten Lehre des Yoga Vasistha beschrieben. Es handelt sich demnach um ein unendliches Multiversum – denn auch Bewusstsein ist unendlich. So steht es in diesen Schriften, in welchen Vasistha, einer der größten spirituellen Lehrer des Hindusismus mit dem jungen Rama, Hauptprotagonist des großen Ramayana Epos, Dialoge führt.

Yoga Vasistha: unendliche Wirklichkeiten in jedem Atom

Der Text verrät weiteres: So sind sogar in jedem einzelnen Atom unendliche Wirklichkeiten enthalten – so manchen mag dies vielleicht an die Wahscheinlichkeitswelle eines Quants erinnern. Dabei ist interessant, dass sich all diese Welten laut Yoga Vasishta gegenseitig durchdringen. Sie liegen nicht nebeneinander, sondern übereinander, und jeweils in unterschiedlichen Frequenzen, ohne sich zu berühren. Man könnte dies etwa mit Radiofrequenzen vergleichen, die alle im selben Raum lokalisiert sind.

Das Yoga Vasistha wird dem Weisen Valmiki zugeschrieben, der hat dieses erstaunliche Realitätsmodell im 6. bis 7. Jahrhundert nach Christus formuliert. Er beschrieb dieses etwa so: „Es gibt Welten im Hohlraum jedes Atoms, so zahlreich wie der Staub in einem Sonnenstrahl.“ und auch: „So wie in einem Traum eine ganze Stadt entsteht, so entstehen die drei Welten durch das Denken.“[2]

Fraktale Struktur der Realität nach Valmiki

Aus diesem Yoga Vasistha, einem der anspruchsvollsten Werke des Hinduismus, lassen sich in 29.000 Versen weitere spannende Eigenschaften ablesen. So hat es eine fraktale Struktur: Die unendlichen Welten sind unendlich ineinander verschachtelt. Selbst in den jeweils kleinsten atomaren Bestanteilen unseres Universums befinden sich viele weitere Veschachtelungen.

„In jedem Atom existieren Welten, so zahlreich wie Staubkörner im Sonnenlicht,“[3]

so heißt es, und weiter:


„Es gibt eine Welt im Inneren eines jeden Atoms, und in dieser Welt gibt es wiederum Atome mit Welten darin. So wie die Schichten einer Bananenstaude übereinander liegen, so liegen die Welten ineinander.“ [4]

Allerdings kommt trotz dieser im Yoga Vasishta beschriebenen Verschachtelungen niemals ein Mangel an Raum auf. Denn Atome sind im Yoga Vasistha eine Potenz des Bewusstseins und Materie ist kein reales Substrat. Zudem seien diese holographisch, bezeichnet als Sarvam Sarvatmakam: Alles ist im Ganzen, und das Ganze ist in jedem Teil.

1000 Jahre vor Einstein: Valmikis Interpretation der Zeit

Valmiki, der sagenumwobene Autor des Yoga Vasishta, stellte mehr als tausend Jahre vor Albert Einstein fest, dass Zeit rein relativ und vom Beobachter abhängig ist. Mit seinen Beschreibungen nimmt er tatsächlich, mit etwas Fantasie wohlgemerkt, die Zeitdilatation der Relativitätstheorie vorweg:

Für den, dessen Geist abgelenkt ist, wird ein Augenblick zu einem Zeitalter (Kalpa). Für den, der in Meditation versunken ist, wird ein Zeitalter zu einem Augenblick.“[5]

Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1058109

Diese Natur der Zeit, die sich relativ zum Beobachter verhält und ein Maß für die Bewegung des Geistes, also die Gedankenabfolge darstellt, ist eine weitere äußerst bemerkenswerte Erkenntnis Valmikis, die an moderne Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften erinnert. Um dies zu veranschaulichen, ist die Geschichte des König Lavana aus diese, Yoga Vasistha hervorzuheben:

70 Jahre in 48 Minuten

Im Utpatti Prakarana wird erzählt, dass König Lavana eines Tages von einem Magier in Trance versetzt wurde. Darin erlebte Lavana ein ganzes Leben als ausgestoßener, ein Dasein voller düsterer Erfahrungen, versterbender Kinder, 70 Jahre voll Krankheit und Schmerz. Als die Situation für Lavana schließlich unerträglich geworden war, und er sich in ein loderndes Feuer stürzt, erwacht er vor Leid schreiend aus dem Trance. Zurück erwacht fragt man ihn, was denn falsch gelaufen sei: Es waren lediglich 48 Minuten (Muhurta) vergangen! Die Höflinge fragten den König:

O König, der Magier schwenkte dieses Pfauenfederbündel nur für einen Augenblick vor deinen Augen. Du hast dich weder von deinem Thron bewegt noch hast du diesen Ort verlassen.“

Vasistha erklärt Rama schließlich, dass Lavana dieses Martyrium von 70 Jahren tatsächlich erlebt hatte, jedoch in einer anderen Zeitlinie des Geistes:

Wisse, o Rama, dass alles, was der König erlebte, zwar eine Illusion des Geistes war, aber innerhalb dieser Illusion war es faktische Realität. So wie in einem Traum das Wasser nass ist und das Feuer brennt, so war für Lavana das Leid der 70 Jahre absolut real, solange sein Bewusstsein in dieser Spur verweilte. Der Geist ist der Schöpfer der Zeit. Er ist der Schöpfer der Objekte. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem langen Leben und einem kurzen Moment, außer dem, den der Geist ihm zuschreibt.“

Für den Träumenden sei die Traumzeit die einzige Realität, merkt der Weise in der Erzählung an: „O König, der Magier schwenkte dieses Pfauenfederbündel nur für einen Augenblick vor deinen Augen. Du hast dich weder von deinem Thron bewegt noch hast du diesen Ort verlassen.“

Diese Darstellungen des König Lavana erinnern ganz klar an moderne Erzählungen rund um Parallelwelten mit entsprechenden aus Science Fiction Filmen und Büchern bekannten Zeitliniensprüngen. Ein wahrhaft faszinierendes Dokument, wenn man bedenkt, dass des Yoga Vasistha tatsächlich mehr als 1400 Jahre alt ist.

Beobachter Effekt moderner Quantenexperimente in alten Hindu-Lehren?


Ebenso spannend erscheint eine weitere Stelle im Yoga Vasishta rund um die Frage des beobachtere: denn auch in dieser Lehre finden wir, ganz ähnlich wie in der buddhistischen Abhidharma-Ontologie ersuaunliche Parallelen Übereinstimmungen mit den Resultaten moderner Quantenexperimente:

Valmiki schreibt, dass der Yogi Vasistha der Ansicht ist, dass die Welt durch das Sehen entsteht “Drishti-Srishti Vada“ – er ist also zuzuordnen, was heute als radikaler Idealismus bezeichnet wird. Nach ihm existiert das jeweilig Universum nicht objektiv außerhalb des Bewusstseins – die Welt verfestigt sich, weil der Geist sie als solches wahrnimmt.

Dies liest sich wie eine exakte Beschreibung des Beobachtereffekts beim Doppelspaltexperiment – aus der sich die berühmte Viele Welten Interpretation nach Hugh Everett ergeben hat, die 1957 formuliert wurde – einer der aktuell bekanntesten Multiversum Theorien.

Hinduismus und das Holographische Multiversum

Da nach Vasistha jeder Teil des Bewusstseins das Potenzial des Ganzen enthält, ist dieses Weltmodell durchaus auch als holographisch einzuordnen. Nach der modernen Hypothese des Holographischen Multiversums ist das, was in unserem Universum geschieht, die Projektion einer weit entfernten Randfläche, welches als physikalisch gleichwertiges Paralleluniversum zu interpretieren ist. Im Yoga Vasishta heißt es:

„Die Welt ist wie eine Stadt am Himmel [eine Fata Morgana]. Sie erscheint existent, ist aber nicht existent,“ schreibt Valmiki, und: „Das Universum ist nichts anderes als das Bewusstsein, das sich selbst als Universum erlebt. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Seher und dem Gesehenen.“[6]

Das Multiversum der Göttermutter Shakta

Das Buch Devi Bhagavata Purana wurde einige Jahrhunderte nach Valmikis Yoga Vasishta mit seinen Parallelwelten geschrieben. Im 3. Buch dieses hinduistischen Werkes finden wir nun einige Seiten, die der die Verehrung der göttlichen Mutter Shakta gewidmet sind. Shakta galt als überaus mächtig – so mächtig, dass man ihr die Herrschaft über ein unvorstellbar großes Multiversum zuschrieb.

Dieses Multiversum der Göttin Shakta war derart groß, dass die Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva sich nicht vorstellen konnten, wie jemand über ein so großes Reich herrschen konnte. Aus diesem Umstand ist schließlich ein Mythos entstanden, nach dem die drei Skeptiker in ihrer Arroganz von der Göttin in die Schranken gewiesen wurden. Laut diesem zeigte Shakta den drei Gättern die Grenzen ihres Universums – bestaunen konnten diese multiple Welten, die allesamt in ihrem Fußnagel enhalten waren – derart gewaltig war diese Göttin. Erstaunt blickten Brahma, Vishnu uns Shiva mit Shakta darin in einen „Ozean des Nektars“, in dem unendlich viele weitere Welten wie kosmischen Eier schwimmen. Auch in diesen zahllosen Universen tauchten wieder jeweils weitere Gottheiten auf:

„Ich sah unzählige andere Universen… In jedem Universum gibt es einen eigenen Brahma, einen eigenen Vishnu und einen eigenen Shiva… Wer kann die Anzahl dieser Universen zählen?“[7]

Die drei sich als allmächtig erachtenden Gottheiten waren derart erstaunt, dass es ihnen zunächst die Sprache verschlug. Schließlich unterwarfen sie sich demütig der Göttermutter: „O Mutter! Weder ich, noch Hari (eine Form Vishnus), noch Sambhu (Shiva), noch Brahma sind die wahren Ursachen der Schöpfung. Wir sind wie Zaubererpuppen in Deinen Händen. […] Wir sind in jedem Universum anders. Aber Du bist die Eine, die in allen Universen dieselbe bleibt. Du allein bist die Höchste Realität.“[8]


Quellen:

[1] Bhagavata Purana 10.87.41

[2] [3] Yoga Vasistha, Utpatti Prakarana

[4] [5] Yoga Vasistha, Utpatti Prakarana, Nirvana Prakarana, Canto 116

[6] Yoga Vasistha, Sthiti Prakarana

[7] [8] Devi Bhagavata Purana, Buch 3