Realitätstunnel und Interaktion

Realitätstunnel und InteraktionInteraktion erzeugt grundsätzlich Realitätstunnel, und das hat einige Auswirkungen – nicht nur auf den menschlichen Alltag, sondern auf jede Ausprägung von Existenz. Zu entkommen ist dieser Tunnelrealität nicht. Es besteht jedoch die Möglichkeit, den relativen Grat ihrer Verzerrung so gering wie möglich zu halten.

Der Begriff Tunnelrealität oder Realitätstunnel wurde bereits vom Psychologen Timothy Leary in seinem Werk Info-Psychologie geprägt – auch Robert Anton Wilson nutzte ihn für die Beschreibung von verzerrter subjektiver Wahrnehmung.

Nach der Sichtweise der allgemeinen Interaktionstheorie (welche natürlich in Wahrheit selbst einen solchen erzeugt und diesem unterliegt), ist es hilfreich, den Begriff Realitätstunnel über jene Bedeutung Learys hinaus zu erweitern. Selbstverständlich muss der Begriff und seine Gültigkeit zunächst auf alle anderen Existenzformen, als nur jene des Menschen allein, erweitert werden, da jede Entität in ihrer subjektive Realität beheimatet ist.

Jede Existenz erzeugt also einen Realitätstunnel, oder eine Realitäsblase, wie heute häufig formuliert wird – wir können beispielsweise ebenso das Gravitationsfeld schwerer Körper im Schwerkraft-Kontinuum als solchen interpretieren, ebenso wie in zwischenmenschlichen Bereichen. Auch da, konkret beim Menschen betrachtet, ergeben sich tiefgreifender Implikationen: Man könnte sagen, der Realitätstunnel entspricht dem subjektiven Universum, das jede Identität durch Interaktion als subjektive Wirklichkeit erzeugt.

Tunnelrealität des Menschen

Wenn ein Mensch sich verändert, und das tut er in jedem Augenblick, so ist klar, dass sich zugleich seine subjektive Wahrnehmung mit ihm verändert. Generell verhalten sich transzendente und immanente Wirklichkeit weitgehend spiegelbildlich. Die Verzögerungen oder Schwankungen sind den natürlichen interaktiven Prozessen unterworfen, die nicht unbedingt gleichzeitig, sondern beispielsweise im Kausalitäts-Kontinuum selbstverständlich nacheinander ablaufen müssen.

Wenn sich beispielsweise ein stark übergewichtiger Mensch zu einer durchtrainierten Person mit Idealgewicht entwickelt, bekommt das nur jenes Umfeld mit, welches in regelmäßigem Kontakt zu diesem Menschen steht. Jede Interaktion der immanenten, neuerdings durchtrainierten Person mit jedem seiner Bekannten, „schreibt“ so nach und nach vice versa seine immanente wie transzendente Identität um. So ist es nur logisch, dass viel Zeit vergehen kann, bis eine immanente Veränderung einer Person überwiegend transzendent wird. Die Person wird gut daran tun, sofern ihm diese Veränderung willkommen ist, sein Netzwerk so weit wie möglich in Kenntnis zu setzen (gleichbedeutend mit ‚aktiv in Interaktion treten‘), um sein neues Selbst möglichst bald zu etablieren, bzw. in möglichst vielen Realitäten zu manifestieren. Denn nachwirkende, subjektiv unerwünschte und immanent vergangene Aspekte der Wirklichkeit, könnten den neu entstandenen Attraktoren entgegenwirken – können also auf die Interaktionen der IdEntität rückwirkend relativ unerwünschten Einfluss ausüben.

Nach der relativ abgeschlossenen Adaption (vollständige Adaption ist auch in diesem Fall auf Grund des Objektivitäts-Paradoxons unmöglich) verhält es sich mit dem relevanten Umfeld so, wie im Inneren einer Blase der Aktualität, der unmittelbaren Kontinuums-Zeitlichkeit: Der Realitätstunnel. Die vertrauten Menschen, die relativ mehr interagieren, updaten den Zustand der Entität schneller.

Die weiter entfernt stehenden (im Sinne von weniger intensiv interagierenden) Entitäten erleben so lange die Vergangenheit der transformierten Entität, und spiegeln somit „nicht-aktuelle“ Aspekte (aus der Sicht der Immanenz und dem Inneren des Realitätstunnels) der Identität wider, bis das Update erfolgte. Wir haben hier eine Entsprechung in der Relativitätstheorie, die identische Implikationen aufweist, nämlich die Folgen der Gesetze der Lichtgeschwindigkeit in Zusammenhang mit dem Vergehen von mehr bzw. weniger Zeit (oder analog dynamischer Zeitgeschwindigkeit): Nach der Relativitätstheorie sieht man, je weiter entfernte Objekte man beobachtet, umso weiter zurück in die Vergangenheit. Dies liegt daran, dass das Licht umso länger braucht, um Informationen zu transportieren, je weiter ein Objekt entfernt ist.

Der Beobachter, um zu unserem Beispiel zurück zu kehren, erfährt also eine relative Gleichzeitigkeit im Inertialsystem (dem Adaptions-Kontinuum), welches dem jeweiligen Realitätstunnel im interaktiven Multiversum entspricht.

Verzerrte Wahrnehmung

Innerhalb des Realitätstunnels herrscht relativ kontinuierlicher Konsens. Dies bedeutet dem Beispiel der Gewicht reduzierenden Mensch-Entität nach, dass sich die im Inneren der Realitätsblase (Realitätstunnel) befindenden Entitäten bezüglich der Fitness der beobachteten Entität relativ einig sind (natürlich vor allem abhängig von der eigenen Fitness). Dieses Phänomen kann recht einfach zu Fehlinterpretationen und Irrtümern führen. Denn Tunnelrealitäten neigen dazu, im Verhältnis zum relativen Gesamtkontext verzerrte Einschätzungen zu generieren, deren Einflüssen die in ihr enthaltenen Entitäten unterworfen sind. Der Gesamtkonsens über eine Entität innerhalb des Tunnels wird durch die Summe aller in ihm enthaltenen Wirklichkeiten, also durch alle mit ihr innerhalb des Tunnels interagierenden Entitäten festgelegt. Den eventuell enthaltenen Tunnelrealitäten des Gesamt-Kontinuums verbleibt dieser Konsens notwendigerweise verborgen bzw. subjektiv verzerrt dargestellt.

So könnte die Bewertung der Fitness jener Person völlig unterschiedlich ausfallen, wenn Bewertende/r und Objekt sich innerhalb einer Gruppe von Spitzensportlern befindet, oder inmitten von fettleibigen Personen. In diesem Falle sind die Bewertungskonstanten (=Konstanten des Kontinuums) die Fitness der/s Bewertenden und jene des zu Bewertenden – Variabel ist die Gruppen-Realität des Fitness-Kontinuums, innerhalb der sich die Bewertung vollzieht.

Ein überaus folgenreicher Nebeneffekt der Realitätstunnel ist die Problematik der schwierigen Anpassung. Der Tunnel begleitet jede Entität, und transformiert ebenso variabel, wie sie interagiert – allerdings, und das ist der springende Punkt: Sie transformiert in relativer Gleichschaltung zu dieser interaktiven Transformation, die wir Zeit oder Entwicklung nennen können. Es ist uns somit häufig unmöglich, über den Horizont unseres subjektiven Realitätstunnels hinauszusehen, der in großem Maße durch die Kontinuum-Konstante geprägt wird. Das mögliche Problem dabei: Diese ist nicht notwendigerweise wichtigste Instanz bei der Bewertung – und vor allem ist sie nur innerhalb des Tunnels eine Konstante.

Eine Waage beispielsweise lässt sich nicht durch ein Sportler/Fettleibigkeit-Kontinuum beeinflussen, sondern zeigt an, wonach sie kalibriert wurde – was sie dem Menschen gegenüber kurioser Weise in diesem Fall überlegen macht (sofern das Ziel die Bestimmung der Gewichtszu- oder -abnahme des Beobachteten war).

Dieses Phänomen lässt sich sehr häufig beobachten. Ein gutes Beispiel ist erneut eines aus dem Sport. Eine Fußballmannschaft, von der man aufgrund ihrer überlegenen Spielstärke in den vergangenen Spielen ein Fan geworden ist, wird man auch dann häufig als bessere Mannschaft sehen, wenn sie in Wahrheit unterlegen ist. Solcherlei auf solche Umstände folgenden Niederlagen werden dann allgemein als ungerecht, oder mutmaßlich als durch unfaire Umstände entstandene Niederlagen empfunden. Dem Fan werden viele Argumente einfallen, die die Niederlage verursacht haben – wohl eher aber nicht das diesmal schwächere Spiel als der Gegner, da hier eine Kontinuum-Konstante angegriffen würde, die sich wohl über einen längeren Zeitraum etabliert hat – die Zeit, in der der Fan entstanden ist.

Schiedsrichter tun sich besonders schwer, sich aus dem Einflussbereich beispielsweise der Heimmannschaft mitsamt sich sehr laut beteiligenden Publikum, heraus zu halten, und tatsächlich neutral zu pfeifen – die „Konstante“ des Heimspiel-Fan-Kontinuums interagiert relativ stark mit der Neutralitäts-Kontinuum-Konstante des Schiedsrichters. Nicht selten unterliegt das Schiedsrichter-Kontinuum gegenüber jenem von tausenden lautstarken Fans – seine Tunnelrealität wird beeinflusst.

Dass sich Schiedsrichter kaum vollständig der Fan-Tunnelrealität entziehen können, ist ein Dilemma im Fußball, welches der menschlichen Psyche geschuldet ist. Häufig lässt sich in der Folge von Gewissenskonflikten, die des Schiedsrichter Eingeständnis von Beeinflussung durch das Publikum geschuldet ist, das Phänomen einer Kaskade an Kompensationsentscheidungen beobachten. Diese Kaskaden sind ein grundsätzliches Merkmal interagierender Realitätstunnel, und werden durch die Allgemeinheit des relativ neutralen Publikums zumeist instinktiv toleriert – sie sind auch ein gutes Beispiel für die Tendenz interagierender Kontinuum-Variablen, sich anzugleichen.

Man mag anhand dieses Beispiels gut erkennen, dass sogenannte Konstanten keine solchen sind – auch wenn die Entität sich ihrer sicher ist. Ihr selbsterzeugter Realitätstunnel hindert sie meist daran, sie als Variable zu entlarven. Dies spielt jedoch nur dann eine Rolle, wenn man sich der Definition einer solchen als reiner Akt des Willens nicht bewusst ist.

 

Thomas Heindl, 2014

4 Gedanken zu „Realitätstunnel und Interaktion

  1. Pingback: Die Dekonstruktion vom Wille

  2. Pingback: Kaskadeneffekt als Dynamik multidimensionaler Entwicklung

  3. Pingback: Metaentitäten und soziale Interaktion: Gruppendynamik und subjektive Wahrnehmung

  4. Pingback: Übertragung von Emotionen nach der Interaktionstheorie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.