Psychoanalyse im Cyberspace, Rezension für der Wiener Psychoanalytiker

Diese Rezension über das im Verlag Brandes & Apsel erschienene Buch Psychoanalyse im Cyberspace, habe ich diese Woche auf der Online-Plattform Der Wiener Psychoanalytiker veröffentlicht. Nach dem Text über Künstliche Intelligenz in Zusammenhang mit dem Ödipus-Komplex ist das vorliegende Werk eine ergänzende spannende Perspektive auf die Wechselwirkung zwischen Mensch und dem digitalen Kontinuum.

In sieben Kapiteln nähern sich unterschiedlicher Autoren an das Thema an, wobei stets Fallbeispiele eine große Rolle spielen: Im 4. Kapitel setzt sich Florence Guignard mit der psychischen Entwicklung in der digitalen Welt auseinander und kommt zu diesem Schluss: „Wenn es stimmt, dass jede Analyse vor allem darauf abzielt, den Patienten zum Symbolisieren zu ermutigen dann könnte es sein, dass unsere Fähigkeit zur Identifizierung mit den Kindern der nächsten Generationen einschneidenden Veränderungen ihres Weltbildes nicht gewachsen sein wird.“ (Seite 118.)

Das idealisierte  Körperbild im Cyberspace

Wie das Körperbild von Jugendlichen durch die virtuelle Realität mit ihrer unverbindlichen Möglichkeit, als idealisierter Avatar aufzutreten und mit anderen zu interagieren, beeinflusst wird, ist Gegenstand des 5. und 6. Kapitels: „Fans des Cyberspace imaginieren ihn denn auch als eine Sphäre grenzenloser und uneingeschränkter Freiheit. Wird die Suche nach derart grenzenloser Freiheit zwanghaft und unersättlich, so fordert das seinen Preis … „(Alessandra Lemma, Seite 127)

Der Aspekt der Freiheit im Virtuellen Raum ist meiner Meinung nach einer der zukünftig einflussreichsten Aspekte dieser Entwicklung. Die Zeit, die im virtuellen Raum beziehungsweise Online verbracht wird, wird tendenziell zunehmen, und diese Virtuelle Realität wird voraussichtlich in nicht allzu ferner Zeit so realistisch sein, dass sie von der nicht-virtuellen ununterscheidbar ist. Es ist durchaus vorstellbar, dass Menschen mitunter mehr Zeit in diesen hyperrealistischen VR-Räumen verbringen werden als außerhalb. Wie die unbegrenzte Möglichkeit, jede gewünschte Rolle zu spielen und jedes denkbare Leben zu simulieren, die menschliche Psyche verändern wird, wird äußerst spannend zu beobachten sein.

Alles in allem ist Psychoanalyse im Cyberspace? Psychotherapie im digitalen Zeitalter
ein sehr spannendes Buch auch für Nicht-Psychologen, dass wichtige Fragen über den Menschen der Zukunft aufwirft.

Psychoanalyse und Künstliche Intelligenz

Was im Buch selbstverständlich keine Erwähnung findet, sind Spekulationen über Entwicklungen, die Künstliche Intelligenz möglicher Weise mit sich bringen wird: So ist prinzipiell vorstellbar, dass Virtual Reality-Simulationen als psychoanalytisches Instrument genutzt werden könnten. Eine weitere mögliche Entwicklung, über die im Bereich der KI-Forschung bereits heute aus ethischen Gründen diskutiert wird, ist die Entstehung neuer Therapiemethoden und Analysetechniken, welche durch beliebig häufig durchführbare Simulationen an virtuellen psychischen Entitäten getestet und entwickelt werden könnten. Auch könnte die Psychotherapie selbst eines Tages von KI oder einer Superintelligenz durchgeführt werden. Interessenten sei in dieser Angelegenheit das Positionspapier der Stiftung für effektiven Altruismus, Künstliche Intelligenz: Chancen und Risiken, empfohlen.

Der Wiener Psychoanalytiker

Meine Buchempfehlungen zum Thema:

 

 

Thomas Heindl, 27.1.2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.