Liebe in Zeiten der Einsamkeit, Paul Verhaeghe, Buchempfehlung

Paul Verhaeghe, Liebe in Zeiten der EinsamkeitLiebe in Zeiten der Einsamkeit erschien im Jahr 1998. Das Buch des Psychoanalytikers Paul Verhaeghe enthält drei Essays über Trieb, Sexualität und das Verhältnis zwischen Mann und Frau.

Das Buch beinhaltet 3 Essays, die sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen in Zeiten der Jahrtausendwende auseinandersetzt:

  1. Die unmögliche Paarbeziehung
  2. Väter auf der Flucht
  3. Der Trieb    

Verhaeghe macht von Anfang an deutlich, dass die Vorstellung davon, wie Beziehungen gelebt und verstanden werden, überaus wandelbar sind. Liebe, Sex und Erotik müssen immer im Kontext der Zeitgeschichte verstanden werden.

Die unmögliche Paarbeziehung

Wir begehren das, was wir nicht wollen, wir wünschen uns allersehnlichst das, was wir nicht begehren. s.36

Die unterschiedlichen Bedürfnisse zwischen Mann und Frau sind das zentrale Thema des ersten Essays von Paul Verhaeghe. Trotz dieser grundsätzlichen Uneinigkeit, ist die Anziehung unwiderstehlich – wenn sie auch nicht selten zu Missverständnissen führt.

s.37:  Zärtlichkeit behindert die Sinnlichkeit und vice versa. Es ist kein Zufall, dass die meisten kleinen Kinder, die ihre Eltern beim Beischlaf überraschen, diese sogenannte Urszene als Kampf interpretieren.

Väter auf der Flucht

Paul Verhaeghe, PsychoanalytikerDas Ende des Patriarchats, welches von Zeiten Sigmund Freuds bis in die 1950er Jahre seinen finalen Höhepunkt hatte, ist wohl eines der entscheidenden Themen der modernen Gesellschaft. Besonders spannend zu lesen in Liebe in Zeiten der Einsamkeit, ist seine Neudeutung der Ödipus Sage. Die Erkenntnis der Eigenschaft des Menschen, alles auf Basis seiner eigenen Situation zu deuten, genannt Anthropomorphismus, war einer der für mich wertvollsten Erkenntnisse dieses Buches. Es ist zu hoffen, dass sich diese Erkenntnisse bis hin in den Schulunterricht herumgesprochen haben.

s.118: … Unter diesem Blickwinkel ist die Tragödie von Ödipus die epische Erzählung eines nicht gelungenen Übergangs vom matriliniaren System zum Patriarchat. Im Wunsch, bei der Mutter zu bleiben, und der geheimen Treue zur Mutter liegt das unschuldige Motiv des Vatermords.

s.125: wir sind auf der Suche nach ewigen Ideen und nach Konstanten, die von Zeit, Raum und Individuum unabhängig sind. … Währenddessen sind wir selbst gegenüber den kurzfristig stattgefundenen Veränderungen blind. … Der Gedanke der Unveränderlichkeit, so Elias, sei nur ein Ergebnis unserer Art zu denken und nichts anderes.

Mit dieser Entwicklung geht die Auflösung der klassischen patriarchischen Familienhierarchie einher, in die unfehlbare Autorität des Vaters verloren geht, so Verhaeghe. Die Auswirkungen dieser Entwicklung in der Gesellschaft sind vielschichtig, wie in Liebe in Zeiten der Einsamkeit zu lesen ist.

s.144: Der Intellektuelle von heute ist ein Hamlet, der immer zögert, ununterbrochen das Für und Wider abwägt und jede Wahl damit letztlich neutralisiert. Hingegen steigen ihm diejenigen, die nicht mit wissen und Intelligenz belastet sind, auf die Füße.

s.142: Kein Vater vermag diese Funktion des ungeteilten Garanten gegenüber Begehren und Genießen zu verkörpern, denn er selbst ist auch gespalten, zumindest zwischen seinem eigenen Vater und seiner eigenen Mutter. Äußerstenfalls kann er diese Funktion auf sich nehmen, denn er fungiert nur als Schaltstelle, als halbdurchlässige Membran, durch die die kollektive Überzeugung hindurch sickert. Infolgedessen ist diese Überzeugung durch die Allgemeinheit garantiert: Es ist wahr, weil alle daran glauben. Was daraus folgt, ist absehbar: Sobald der Allgemeinheit selbst Zweifel kommen, kommt es zu Unsicherheiten, und die Suche nach etwas anderem setzt sich in Gang. Die Entwicklung der Hysterie erstarrt an einem gewissen Punkt und wird zu einer permanenten Form, deren typische Symptome in der Unfähigkeit, ein Selbst zu finden oder zu kreieren, liegen. Sinn und Bedeutung sind immer ein Produkt der Allgemeinheit.

Der Trieb

Im dritten Essay von Liebe in Zeiten der Einsamkeit schreibt Verhaeghe über den Trieb. Wenn unterschiedlichste Begierden und Neigungen wie beim Menschen auftauchen, ja die sexuelle Normalität (falls es so etwas gibt) zur Ausnahme wird, verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit.

s.195 über Phantasmen: Unsere Realität hat die Struktur einer Fiktion.

Spannend ist Verhaeghes historischer Vergleich der Einstellung des Menschen gegenüber Sexualität:

S.195: Die Griechen lehrten uns, den Trieb zu mäßigen. Das katholische Rom verbot sogar das Begehren. In der hyperbolischen Weiterentwicklung dieses Verbots entstand der frustrierte Mittelstand, der am Ende des 19. Jahrhunderts bei Freud anklopfte.

Fazit: Ein überaus ergiebiges und geistreiches Buch. Unbedingt zu empfehlen für alle, die etwas über Sexualität und ihre Bedeutung in der Gesellschaft erfahren möchten.

 

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