Bewusstsein hochladen – der transhumanistische Traum vom ewigen Leben

Von Hagmann P, Cammoun L, Gigandet X, Meuli R, Honey CJ, Wedeen VJ, Sporns O - Hagmann P, Cammoun L, Gigandet X, Meuli R, Honey CJ, Wedeen VJ, Sporns O (2008) Mapping the structural core of human cerebral cortex. PLoS Biology Vol. 6, No. 7, e159.[1], CC BY 3.0, $3Unser Bewusstsein hochladen – das ist der Traum nicht weniger Transhumanisten. Was man damit erreichen will ist klar: Ewiges Leben, die Singularität und somit zugleich ein Leben mit wirklich allen Freiheiten und Möglichkeiten, die sich unser Geist nur ausdenken kann.

Aber ist es überhaupt möglich – kann man das Bewusstsein eines Menschen hochladen? Um das überhaupt beantworten zu versuchen, muss man zunächst zumindest zwei Dinge klären:

1. Was ist Bewusstsein überhaupt?

2. Wo ist der Sitz des Bewusstseins?

Neurowissenschaften: Bewusstsein ist physikalisch erklärbar

Transhumanisten, die ein solche Vorstellung verfolgen, gehen meist davon aus, dass der Sitz des Bewusstsein das Gehirn ist, und folgen damit einem aktuell breiten Konsens in den Neurowissenschaften.

Nicht wenige Neurowissenschaftler und Philosophen sind davon überzeugt, dass Bewusstsein ein im Gründe physikalischer Prozess ist, der sich vollständig aus der Funktionalität des Gehirnes erklären lässt: Wenn wir das Gehirn verstanden haben, dann verstehen wir auch was Bewusstsein ist, nachzulesen beispielsweise in Thomas Metzingers Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik.
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Von Hagmann P, Cammoun L, Gigandet X, Meuli R, Honey CJ, Wedeen VJ, Sporns O - Hagmann P, Cammoun L, Gigandet X, Meuli R, Honey CJ, Wedeen VJ, Sporns O (2008) Mapping the structural core of human cerebral cortex. PLoS Biology Vol. 6, No. 7, e159.[1], CC BY 3.0, $3

 

Neuronale Netzwerke

Wenn wir also das Gehirn verstehen, so ist es wohl nur ein relativ kleiner Schritt bis zu einem künstlichen neuronalen Netzwerk, einem Nachbau eines Gehirnes nach menschlichem Vorbild (natürlich wird schon längst an einem solchen Bluebrain gebaut). Dieses neuronale Netz in Aktion, wäre dann nach den Vorstellungen und Definitionen jener Neurowissenschaftler, versehen mit menschlichen Erfahrungen und der Fähigkeit, Sinnesreize zu empfangen und verarbeiten, ein solches künstliches Bewusstsein (bzw. könnte ein solches Netz theoretisch als Sitz von Uploads dienen).

Von der Neuroprothese zum Brain-Computer-Interface

Längst wird fieberhaft an funktionellen Neuroprothesen gearbeitet – Schnittstellen zwischen dem Nervensystem und elektronischen Bauteilen. Der Grundgedanke geht bis zu den Versuchen von Charles de Roy im Jahr 1755 zurück.

Was derzeit schon möglich ist, findet Einsatz in der Medizin: Motorische Neuroprothesen zur Behandlung von Krankheiten wie Parkinson, oder sensorische, die es ermöglichen, Blinde sehen und Taube hören zu lassen. Durch spezielle, sogenannte nicht-invasive Brain-Computer Interfaces wird es sogar möglich, dass unter dem Locked-In-Syndrom leidende Menschen mit ihrer Gedankenkraft einen Computermaus-Kursor steuern können und gar Emails verfassen.

Nicht minder exotisch experimentiert David Eagleman, indem er die unglaublichen Fähigkeiten unseres Gehirnes zur Neuroplastizität nützt: Seine V.E.S.T. erweitert unsere Fähigkeiten, Sinne zu verarbeiten über die Biologie hinaus: Der Versatile Extra-Sensory Transducer ist eine Weste, die Schall in Vibrationen übersetzt, welche der Träger einer solchen Weste über den Rücken erfassen kann. Wie das Experiment gezeigt hat, lernt das Gehirn innerhalb von Wochen, diese Signale zu verarbeiten. Der Hörsinn wird hierbei im Grunde maschinell in den Tastsinn übersetzt und vom Gehirn wieder zurück in Klänge – man hört gewissermaßen was man fühlt.

Wie man sieht, zeichnet sich langsam ab, dass sich die Grenzen zwischen Mensch und Maschine immer mehr verschwimmen – es handelt sich also nicht um ein rein spekulatives Thema.

Ein kleiner Schritt zum Bewusstsein Hochladen


Ein wichtiger Schritt hin zum Hochladen des Bewusstseins wird sein, einen echten Informationstransfer zu erreichen. Das Militär träumt längst davon, was die Matrix Trilogie schon in den 00er Jahren vorweggenommen hat: Der Download von Wissen und Fähigkeiten. Lernen innerhalb von Minuten. Von einem solchen Download wäre es wohl nicht allzu weit zu einem Upload. Dieser Gedanke lässt die Transhumanisten hoffen, dass wir bald unser Bewusstsein vollständig hochladen könnten, bevor der biologischer Körper verstirbt.

Die Frage: Ist das dann noch das Selbe Ich?

Von Polygon data were generated by Life Science Databases(LSDB). - Polygon data are from BodyParts3D.[11], CC BY-SA 2.1 jp, $3

Ist das Gehirn alleiniger Sitz des menschlichen Bewusstseins?

Wenn dies erst gelingt, wäre nach ihnen das ewige Leben erreicht: Durch das Hochladen des Bewusstseins würden wir unsterblich. Ein solches virtuelles Bewusstsein könnte ewig bestehen, jeweils mit der aktuellen Hardware für immer in die Zukunft migrieren.

So schlüssig diese Argumentation auch ist, die große Frage ist im Grunde folgende: Ist dieses Selbst wirklich noch das Selbst, dass man bewahren wollte?

Dieses Wesen mit menschlichen Eigenschaften, emotional, gleichermaßen vernunft- wie triebgesteuert, mit dieser speziellen Sinneswahrnehmung, mit diesen individuellen Erinnerungen?

Letztlich eine philosophische Frage.

Dieser spezielle Mensch ist es natürlich nicht, weil zu diesem Menschen natürlich alles gehört, was ihn im Augenblick ausmacht. Alle Wege der Interaktion dieses Bewusstseins, würden sich von dem unterscheiden, was dieses Bewusstsein früher war. Man müsste von einem ehemaligen Menschen sprechen. Noch dazu ist davon auszugehen, dass ein menschliches Bewusstsein durch die neuen Möglichkeiten sofort verändert würde: Beispielsweise würde das Denken eines solchen Bewusstseins viel schneller funktionieren, da Technologie, also Hardware, aus physikalischen Gründen viel schneller rechnet als Biologie (siehe Ray kurzweil, „the Singularity Is Near“).
Alles Wissen wäre zudem direkt verfügbar. Und die Einschränkung (oder Erweiterung, je nach Sichtweise) des Körpers wäre auch nicht mehr gegeben. Man muss entschieden sagen: Diese Entität, dieses hochgeladene Bewusstsein, kann nach dem Upload nicht dasselbe sein wie davor, also menschlich im biologischen Sinne.

Diese Methode kann also, wenn wir von statischen bewussten Entitäten ausgehen,  nicht das ewige Leben ermöglichen. Aber letztlich ist selbst ein Mensch von einem Augenblick zum Nächsten niemals derselbe, auch ohne die Upload-Fantasie.

Was möglicher Weise gelingen kann, ist dass sich diese neue Identität auf gewisse Weise eine Erinnerung an diese menschliche Existenz erhält. Man muss sich aber natürlich die Frage stellen, inwiefern hierbei letztlich tatsächlich ein Unterschied zum Sterben besteht. Auch beim Sterben handelt es sich um die Transformation der Identität zu einer anderen, und dass Sterben das Ende bedeutet, wird von nicht wenigen Menschen bezweifelt. Die analoge Argumentation wäre, dass eine verstorbene Entität nach der Transformation einfach nicht in der Lage ist, auf dieselbe Art zu interagieren, wie die Vorhergehende.

Jedenfalls lässt sich sagen: Selbst wenn eine solche Transformation, ein Hochladen des Bewusstseins gelingen sollte, könnte man nicht davon sprechen, dass ein Mensch ewiges Leben erlangt hat. Weil er eben dann kein Mensch mehr wäre. Es sei denn, der Begriff „Mensch“ an sich transformiert mit diesem neuen Bewusstsein mit. wodurch der Begriff Mensch von der Biologie entkoppelt würde.

 

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Thomas Heindl, 2016

 

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