Leben und Tod

Leben und Tod sind temporärer Konsens im Zeitgeist

Die Unterscheidung von Leben und Tod ist ein temporärer Konsens, der nur so lange existiert, wie es der interaktive Zeitgeist erfordert.

Solange das Bewusstsein seinen Sitz als sterblichen Körper wahrnimmt, wird das Konzept von Leben und Tod Bestand haben. Dieser Wahrnehmungs-Konsens, dass etwas auf die Welt kommt, und von dieser Welt geht, hängt sicherlich mit der Tatsache zusammen, dass die menschliche Körper-Existenz nach einer gewissen Zeit die Eigenschaften verliert, die gegenwärtig das ‚lebendig sein‘ definieren.

Dabei muss diese Bezeichnung so nicht sein. Denn, obwohl Existenz selbstverständlich nicht beständig ist, muss man eher von Übergängen, Identitäts-Sprüngen sprechen, als von einem binären Transformationskonzept wie bei einem Schalter (on/off), sein oder nicht sein.

Kein Moment wie der andere

Jede Existenz erschafft sich von einem Moment in den nächsten ständig neu, muss ständig neu geboren werden, jeder vergangene Moment muss unweigerlich und für immer „sterben“. Denn keine Existenz ist jemals dieselbe geblieben in der Zeit. Ständige Interaktion erschafft die subjektive Zeit, welche sich als Informations- bzw. Energieaustausch von immanenter und transzendenter Identität manifestiert.

Auch Ich und Bewußtsein vergehen und entstehen in jedem Augenblick neu. Nur die Geschwindigkeit, mit der dieser Prozeß abläuft, und die Verwobenheit der einzelnen Seinsmomente erweckt die Täuschung, es gäbe ein dauerhaftes Ich und ein dauerhaftes SeinSiddharta Gautama

Wir können ebenso wenig trauern, wie es „Tode“ gibt, wie wir uns für jedes „neu erschaffene Leben“ (neu erschaffenes Sein) freuen können. Denn beides ist von jedem Moment zum nächsten, mit jeder Interaktion, enthalten. Es ist meist nicht der Tod oder das Leben an sich, was uns Trauer und Freude empfinden lässt.

Die „beständige Unbeständigkeit“ der Existenz ist der Beweis der unendlichen Varianz an Wirklichkeiten: niemals ist ein Moment wie der Andere, niemals das Bewusstsein, der Moment und somit die Identität dieselbe. Was wir sterben nennen, ist in Wahrheit nur ein weiterer dieser Momente, dieser Erfahrungen. Es gibt keine Zeugen des Sterbens an sich.

Leben und Tod – Konzepte für Freud und Leid

Was es gibt, ist der Verlust von Entitäten – das Verlustempfinden ist allerdings einer gravierenden Veränderung der transzendenten Wirklichkeit geschuldet – welche in Wahrheit eine Umwälzung bedeutet. Für diese Umwälzung haben wir jenes Wort Sterben geprägt, um dem Schmerz einen Namen zu geben – der seine Ursache in der gravierenden Veränderung des Bewusstseins, der erlebten Wirklichkeit hat, die der Verlust einer subjektiv bedeutenden Entität mit sich bringen kann.

Der Schmerz ist dabei trügerisch, denn die Summe aller Möglichkeiten bleibt immer gleich im Augenblick:
Wir verlieren nicht die Entitäten, die versterben, denn so wie sie sind und immer waren, so verbleiben sie auch in unserer Wirklichkeit, in unserer Erinnerung. Verloren sind sie jedoch als kontinuierlicher, eben „lebendiger“ Begleiter und gleichermaßen Teilhaber in der Zeit. Nach ihrem Ausscheiden aus der gemeinsamen, intersubjektiven Zeit, nach dem Verlust der gemeinsamen Gegenwart, erlischt die Möglichkeit jener Interaktion, die über die einseitige Interaktion mit der Erinnerung an sie hinaus geht.

Leben und Tod sind interaktive Verhältnisse

So wie das, was der Mensch Leben nennt immer ein fließender Übergang ist, selbst die Geburt, so ist es auch das Sterben. Identität von einem Augenblick zum Nächsten, von einem Interaktionsverhältnis zum Nächsten. Es stellt sich nicht die Frage, wann genau dieser Mensch er selbst wird: als Geborener, als Embryo, im Kindesalter, wenn selbst das Spermium und die Eizelle als Teilentitäten der Eltern in Interaktion treten, und sich in multidimensionaler Variabilität, zeitlich, wie räumlich zumindest in zahllose Metaentitäten verweben und interagieren.

Die im Sinne von ‚lebendig‘ kontinuierliche Entität zerfällt mit dem Tod – jedoch zerfällt jede Entität ständig und ist unwiederbringlich verloren, ebenso wie jeder ihrer Aspekte als Spiegelung jeder mit ihr interagierenden Entität einzigartig und unfassbar für alle anderen Entitäten ist.

Kontinuität ist Illusion, ist Interpretation, liegt im Auge des Betrachters. Verlustempfinden ist also eine Entscheidung, eine subjektive Interpretation, keine Notwendigkeit. Natürlich ist die biologische Lebensform wie der Mensch, mit ihrer physikalischen Struktur von bestimmten Emotionen und Wahrnehmungen, geprägt. Ein derartiger Realitätstunnel kann jedoch überwunden werden, und wird es – ebenso wie Körperlichkeit, Struktur und Interpretation überwunden wird.

Thomas Heindl, 2014

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